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Sonntag, 18.09.2010 ab 11:00 Uhr

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Auch in diesem Jahr findet der Weltkindertag Leverkusen im Neuland-Park Leverkusen statt.

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Kinderrechte

Gleichheit
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Gewaltfreie Erziehung
Schutz im Krieg und auf der Flucht
Schutz vor Ausbeutung
Elterliche Fürsorge und soziale Sicherheit
Betreuung bei Behinderung


Mehr über Kinderrechte können Sie auf der Internetseite von Unicef erfahren.


Kinderarmut: Raus aus den Stigmen!

Stefan Andres
Stefan Andres

VON STEFAN ANDRES

Wie kommt die Armut in einen Wohlfahrtsstaat wie die Bundesrepublik Deutschland? Klar: Im Sudan, auf Haiti, in Bangladesch, wo Naturkatastrophen wüten, korrupte Regierungen das Volk ausbeuten und wo Entwicklungshilfe nur träge fließt - dort sind Menschen arm. Aber in einem Industriestaat in Mitteleuropa? Bei uns in der beschaulichen Farbenstadt Leverkusen, im Schatten der Chemieindustrie? Es gibt Wirtschaftswissenschaftler, die weisen die Behauptung, es gebe Armut in Deutschland, entschieden zurück. Da ist dann die Rede von "Sozialneid", befeuert von einer "Jammerlobby".

Hier offenbart sich schon ein Teil des Problems: Wer über Armut diskutieren möchte, dem muss klar sein, dass jede Definition die Vokabel in einen politischen Kampfbegriff verwandelt. Schließlich stellt die Existenz von Armut nicht nur das jeweilige Wirtschaftssystem, sondern stets auch das Gesellschaftssystem in Frage. Auf Seriosität bedachte Wissenschaftler sprechen deshalb von "relativer Armut", um prekäre Verhältnisse in Industrienationen, die sie beschreiben möchten, von "absoluter Armut" in Entwicklungs- oder Schwellenländern zu unterscheiden. Relative Armut ist dort am größten, wo Reichtum nicht weit ist: Dort, wo eine gezwungenermaßen bescheidene Lebensführung leicht zum bedrückenden Stigma werden kann. Zum Beispiel in Deutschland.


Emotionales Potenzial

In der öffentlichen Debatte über hohe Arbeitslosigkeit, ein "abgehängtes Prekariat" oder die Hartz-Gesetze sticht ein Begriff heraus, dessen emotionales Potenzial enorm ist: Kinderarmut! Eine Wortzusammensetzung wie Donnerhall in den Ohren selbst ignorantester Zeitgenossen, amtlich erstmals erwähnt im 10. Jugendbericht des zuständigen Bundesministeriums von 1998. Während Wissenschaftler Ende der 1980er Jahre schwammig und medial wenig wirksam von einer "Infantilisierung der Armut" sprachen, weiß heute jedermann (und gelegentlich vielleicht auch mit einer Portion Beklemmung): Nach den Alten, die viele Jahre in Deutschland am ärgsten von Armut betroffen waren, sind es immer mehr Kinder, die unter prekären Verhältnissen leiden. In der Mitte unserer Gesellschaft.

Natürlich auch in Leverkusen: Der 2010 veröffentlichte Sozialbericht der Stadt Leverkusen (Titel: "Gerechte Teilhabe in Leverkusen") räumt die "Gefahr einer zunehmenden sozialen Spaltung der Gesellschaft" in der Stadt ein: "Bereits heute ergeben sich deutliche Unterschiede", heißt es dort, "räumlich betrachtet zwischen eher privilegierten und benachteiligten Stadtteilen, sowie zwischen Altersgruppen." Und weiter: "Kinder und Familien sind häufiger von Armut betroffen bzw. gefährdet als ältere Menschen."

Arme Kinder haben gegenüber ihren armen Eltern zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung einen "Vorteil": Denn während in Armut abgerutschte Erwachsene ihre Lage (scheinbar) selbst zu verantworten haben - sei es vermeintlich aus Faulheit, Trunksucht, aus Unfähigkeit, mit Geld umzugehen, oder generell einem mangelnden Desinteresse, sich in die Gesellschaft einzugliedern - sind Kinder auch vom verbissensten Leistungsethiker kaum selbst für ihre Lage verantwortlich zu machen. Auch die Funktionalität von Armut (nämlich der Angst vor ihr) in einer Leistungsgesellschaft - als stete Mahnung an die Mittelschicht - geht bei Kindern fehl: Sie werden in prekäre Verhältnisse hineingeboren und können sich nicht selbst aus ihrer Lage befreien. Nicht zuletzt deshalb gebührt ihnen der besondere Schutz des Staates.


Reformen zementieren Kinderarmut

Das Gegenteil aber sei der Fall, kritisiert der Kölner Politologe Christoph Butterwegge: Die jüngsten (Hartz-)Reformen reduzierten Kinderarmut nicht, sondern zementierten oder produzierten diese gar erst. Im zuständigen Ministerium in Berlin hat man das Problem unlängst (an-)erkannt und möchte ihm nun mit einem modernen Gutschein-System mit Chipkarten zu Leibe rücken: Bald soll Kindern und Jugendlichen aus einkommensschwachen Familien so wieder eine größere Teilhabe am öffentlichen Leben ermöglicht werden. Der Ansatz ist richtig: Denn "relative Armut" sei deprimierender und demoralisierender als absolute Armut, so die These von Butterwegge: Wer Kultur-, Freizeit- und Bildungsangebote nicht wahrnehmen oder nicht mal mit dem Bus fahren kann, weil ihm das Geld fehlt, dem wird seine soziale Ausgrenzung ernüchternd vor Augen geführt. Erst recht dann, wenn Freunde und Klassenkameraden aus privilegierteren Familien diesen Verzicht nicht üben müssen.

Diese Erkenntnis, gepaart mit dem andauernden ökonomischen Stress in der Familie, gehe insbesondere an Kindern nicht spurlos vorbei. Karl August Chassé fasst verschiedene Forschungsergebnisse dazu zusammen: Demnach treten bei von Armut betroffenen Kindern häufiger gesundheitliche Probleme auf, die Schulleistungen bleiben hinter dem Durchschnitt zurück, das Selbstbild der Kinder und Jugendlichen wird beeinflusst, außerdem seien Auswirkungen auf das Sozial- und Problemverhalten sowie auf die Anzahl der sozialen Kontakte erwiesen. Kurzum: Kinder, die in prekären Verhältnissen aufwachsen, erleiden Schaden, der sich unmittelbar auf ihre weitere Entwicklung zu gemeinschaftsfähigen Mitgliedern der Gesellschaft bemerkbar macht.


Kommunale Handlungsoptionen

Während insbesondere die Bundespolitik in sozialen Fragen stets im Fokus steht, sind es letztlich die Kommunen, die dafür Sorge zu tragen haben, den Menschen vor Ort angemessene Rahmenbedingungen zu bieten. Und gerade in Bezug auf das Kindeswohl kommen den Kommunen ihre vielleicht bedeutsamsten Aufgaben zu: Von der Bereitstellung von Kindertageseinrichtungen über Schulen, einem breiten Freizeit- und Kulturangebot bis zur Kinder- und Jugendhilfe. Gleichzeitig sind die Kommunen rechtlich wie finanziell in ein enges Korsett geschnürt, das von Bund und Ländern vorgegeben ist und ihnen zuletzt immer weniger Spielraum ließ. Leverkusen gehört zu den (immer zahlreicher werdenden) Gemeinden in Deutschland, die ihren Aufgaben aufgrund einer desolaten Haushaltslage immer beschwerlicher nachkommen können. Dabei werden die Vorgaben von Bund und Ländern immer weitreichender - freilich ohne zugleich den finanziellen Handlungsspielraum entsprechend zu erweitern.

"Kommunale Handlungsoptionen" gegen Kinderarmut verspricht ein 2008 (übrigens im Opladener Verlag Budrich UniPress) erschienener Band im Titel. Eine sei hier hervorgehoben, weil sie nicht an finanzielle Spielräume gebunden ist: Die öffentliche Wahrnehmung des Problems "Kinderarmut" müsse weiter befördert werden, erklären die Autoren, und zwar: in nicht diskriminierender Weise. Das erleichtere es Betroffenen, "sich selbst aktiv an Diskussionen und Initiativen zu beteiligen". Die Losung für eine breitere solidarische Grundhaltung für Wege aus der Krise lautet also zuvorderst: Raus aus den Stigmen!


Bedürfnisse der Kinder als Maßstab

2010 als das "Europäische Jahr zur Bekämpfung von Armut und sozialer Ausgrenzung" setzt ein Zeichen, die Probleme weiter in den öffentlichen Fokus zu rücken. Initiativen gibt es viele. Das Kinderhilfswerk UNICEF beispielsweise forderte unter anderem mal, "jede Regierung muss ihre Haushalts- und Sozialpolitik nach den Bedürfnissen von Kindern ausrichten". Klingt gut, hat aber einen kleinen Schönheitsfehler: Es entlässt all jene, die nicht Regierung sind, aus ihrer Verantwortung. Wer Kinderarmut bekämpfen und "kein Kind zurücklassen" möchte, der muss sich 1.) unvoreingenommen dem Problem widmen, und 2.) die Möglichkeiten zur Teilhabe gerecht - und das meint: eben nicht nach den üblichen ökonomischen Regeln - verteilen.

Literatur & Links zum Thema:

  • Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ) 26/2006: Kinderarmut (online abrufbar unter http://www.bpb.de/publikationen/AKTWHQ,0,Kinderarmut.html)
  • Jürgen Borchert: Kinder und Familie, in: Gabriele Gillen, Walter van Rossum: Schwarzbuch Deutschland. Das Handbuch der vermissten Informationen. Rowohlt, 2. Aufl., Hamburg 2009, S. 355-369
  • Christoph Butterwegge: Armut in einem reichen Land. Wie das Problem verharmlost und verdrängt wird. Campus, Frankfurt/M. 2009
  • Karl August Chassé: Unterschichten in Deutschland. Materialien zu einer kritischen Debatte. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2010
  • Bernhard Frevel, Berthold Dietz: Sozialpolitik kompakt. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2004
  • Ullrich Gintzel, Sebastian Clausnitzer u.a.: Kinderarmut und kommunale Handlungsoptionen. Budrich UniPress, Opladen 2008


Internetseiten des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales:
http://www.mit-neuem-mut.de/
http://www.bmas.de/portal/33448/

Das Europäische Jahr 2010 in der deutschsprachigen Wikipedia:
http://de.wikipedia.org/wiki/Europ%C3%A4isches_Jahr_zur_Bek%C3%A4mpfung_von_Armut_und_sozialer_Ausgrenzung

Der aktuelle Sozialbericht der Stadt Leverkusen:
http://www.leverkusen.de/soziales/downloads/Manuskript_Sozialbericht__16_3__2010.pdf